Das Pferd soll den Kopf runter nehmen

Das Pferd soll den Kopf runter nehmen. Diesen Satz hört man oft und gerne in jeder Reitstunde und im Leben drumherum. Aber warum eigentlich? ‚Weil sonst der Rücken kaputt geht’ ist die typische Antwort. Aber warum eigentlich? Wie beeinflusst der Kopf den Rücken und reicht es diesem zur Gesundheit, wenn der Kopf einfach unten ist? 

Der Körper eines Pferdes gleicht hinsichtlich der Statik einer Bogenbrücke [Referenz]. Eine Bogenbrücke trägt ihr eigenes und das Gewicht der Fahrbahn und Fahrzeuge, indem sie die durch die Schwerkraft wirkenden Kräfte nach außen-unten in den Boden leitet.

So ähnlich macht es auch das Pferd. Der Bogen entspricht der Brust- und Lendenwirbelsäule, die Fahrbahn ist im Wesentlichen das Brustbein, der gerade Bauchmuskel und die ihn umgebenden Sehnenplatten. Verbunden sind beide Teile durch die Rippen und den queren und die schrägen Bauchmuskeln. Alles gemeinsam ruht auf den Beinen, den Brückenpfeilern des Pferdes. 

Damit diese Konstruktion aber tatsächlich tragfähig ist, muss der Bogen, die Wirbelsäule, nach vorne und hinten gespannt werden, was das Pferd auf sehr energieeffiziente Art und Weise mit Hals, Kopf und Hinterhand erledigt. 

Die Grundidee ist dabei direkt aus der Wirbelsäule des Pferdes ablesbar. Vorne, wo, wie wir gleich sehen werden, das große Gewicht von Kopf und Hals regelrecht aufgehängt ist, sind die Dornfortsätze sehr lang und weisen nach hinten. Hinten, wo das Gegengewicht zu Rumpf und Bauch eher aus der Hinterhand kommt, sind die Dornfortsätze kürzer und gerader, dafür zeigen die Röhrbeine etwas nach hinten und werden durch das Sprungbein zu einem grossen Hebel verlängert. 

Der hintere Teil des ‚Bogens‘, der Wirbelsäule, wird dann auch tatsächlich vor allem durch die Muskeln M. biceps femoris und M. semitendinosus, einem Teil der Hosen, gespannt. Diese Muskeln entspringen am hinteren Teil des Kreuzbeins, am breiten Beckenband sowie am Sitzbeinhöcker, um von hinten-oben an Knie und Sprunggelenk anzusetzen. Insbesondere durch das prominente Fersenbein ergibt sich so ein starker Hebel, über den diese Muskeln den hinteren Teil des Wirbelsäulen-Bogens spannen und ein Gegengewicht zu Bauch und Rumpf bilden können.  

Der vordere, größere Teil des Bogens, auf dem auch der Reiter sitzt, wird vor allem durch Kopf und Hals gespannt. Um diese energiesparend und ohne viel Muskelkraft tragen zu können, besitzt das Pferd einen Bandapparat, das Lig. nuchae, welcher Kopf und Hals regelrecht an den Dornfortsätzen des Widerrists aufhängt. Verbunden ist das Lig. nuchae mit dem Lig. supraspinale, dem langen Band, welches die Dornfortsätzen der Wirbelsäule bis hin zum Kreuzbein verbindet. 

Hängt das Pferd nun seinen Hals und Kopf in das Lig. nuchae, wie es das beim Grasen, Dösen oder im Vorwärts-Abwärts tut, kann es deren Gewicht leicht und ohne viel Muskelkraft tragen. Gleichzeitig gerät durch ihre Verbindung das Lig. supraspinale unter Zug und stabilisiert die vordere BWS gegen eine zu starke Überstreckung. 

Dieser Effekt ist wirklich sichtbar: Lockt man sein Pferd mit Hals und Kopf etwas nach vorne unten, hebt sich der Rücken hinter dem Widerrist ein bisschen. Das ist der Punkt, an dem der Bandapparat unter positiver Spannung steht.  

Grob gesprochen* ist es also diese Verbindung zwischen Lig. nuchae und Lig. supraspinale, die die Verbindung zwischen einem Senken des Kopfes und einem stabilen Rücken herstellt. Damit dieses Stabilisierungssystem wirklich funktioniert, ist allerdings der zweite goldene Satz einer jeden Reitstunde zu beachten: Die Nase muss vor der Senkrechten bleiben. Um das Nackenband unter Zug zu setzen, muss der Hals relativ gestreckt bleiben. Rollt sich das Pferd zu sehr ein (oder wird dazu gezwungen), verkürzt sich der Hebel des Halses und schwächt somit die Zugkraft auf das Lig. supraspinale, welches den Rücken stabilisiert. 

Kopf runter ist somit nur die halbe Lösung, richtig ist ein fleißiges Runter-vor. Womit wir bei der der Dehnungshaltung wären, aber weil ich die so mag, bekommt sie einen eigenen Artikel. 

*Nun sind es natürlich nicht nur Lig. nuchae, Lig. supraspinale und die Hosen, die einem Pferd den so gewünschten positiven Spannungsbogen geben. Unterstützt werden sie einerseits durch die weiteren langen und kurzen Bänder  der Wirbelsäule und ihrer autochthonen, tiefliegenden Muskulatur, sowie die das Lig. nuchae unterstützenden Halsmuskulatur und natürlich die Faszien, welche für den gesamten Zusammenhalt sorgen. Um die Grundidee zu verstehen und zu erklären, seien hier aber nur die Hauptbestandteile genannt. 

Die beiden genießen offensichtlich ihren passiven Halteapparat.

AK Baum, 26.02.2019


Es muss nicht immer Reiten sein

Immer noch ist es verbreitete Meinung, ein Pferd müsse jeden Tag, zumindest 6 von 7 Tagen geritten werden. Die Grundidee, seinem Pferd Bewegung zu verschaffen, zumal viele Pferde davon immer noch zu wenig bekommen, ist ja nicht schlecht. Aber muss es immer unter dem Sattel sein?

In jedem Tanzkurs werden neue Schritte von den Partnern getrennt geübt, bevor sich das Paar gemeinsam daran versucht. Warum überträgt man dies nicht viel öfter auf das Pferd-Reiter-Paar? Steht ein jeder auf seinen eigenen Füßen, ist es oft viel leichter, dieselbigen zu koordinieren und sein Gleichgewicht zu finden und zu halten. 
Die Boden-Position bietet zudem eine hervorragende Rundum-Sicht und umfassende Berührungsmöglichkeiten des Pferdes, um es im Erlernen neuer Bewegungen unterstützen, ohne es aus dem Gleichgewicht zu bringen oder zu stören. 
Und was mir persönlich am meisten an dieser Perspektive gefällt: Ich sehe mein Pferd. Ich sehe sein Gesicht und seine Augen. Ich sehe, wie es sich freut und stolz ist, wenn es etwas verstanden hat und gut gemacht hat. Ich sehe aber auch, wenn ich zu viel wollte, zu ungeduldig oder uneindeutig bin. 
So halte ich die Bodenarbeit für ein wunderbares Mittel, eine gute Zeit mit seinem Pferd zu verbringen, ihm neue Bewegungen beizubringen, es in seiner Koordination und seinem Körpergefühl zu schulen, ohne es durch zusätzliches Gewicht oder eine noch nicht perfekte Eigenbalance zu stören. 

An manchen Tagen ist einem aber auch einfach nicht nach konzentrierter Arbeit. Ehe man sich dann unmotiviert aufs Pferd schwingt, könnte man auch einfach mal mit diesem Spazierengehen. Während es total normal ist, mit seinem Hund Gassi zu gehen, erntet man mit einem Pferd an der Hand regelmässig verblüffte Gesichter sowie mindestens einmal die Frage, ob das Pferd krank oder noch jung sei – anscheinend die beiden einzigen legitimen Gründe, neben statt auf dem Pferd die Landschaft zu erkunden. 
Dabei ist gemeinsames Spazierengehen toll! Das Pferd bekommt neue Eindrücke und lernt, mit ungewöhnlichen oder erschreckenden Situationen umzugehen – welche sich mit den eigenen Füssen auf dem Boden und etwas körperlicher Distanz meist viel leichter überwinden lassen. Man kann sich und sein Pferd im wahrsten Sinne des Wortes einfach mal gehen lassen, ohne an ordentliches Durchstellen oder eine perfekte Haltung denken zu müssen. Und trotzdem profitiert der Bewegungsapparat, wenn unterschiedliche, teilweise unebene Böden oder Steigungen überwunden werden müssen. Und wieder ist man auf Augenhöhe mit seinem Pferd, man sieht es und seine Emotionen, was es interessiert, abschreckt, anzieht – man lernt sich gut kennen auf solchen Spaziergängen. 

Klappt das Spazierengehen gut, kann man auch super zusammen joggen gehen. Das entlastet den Pferderücken, stärkt den Reiter und schweißt im wahrsten Sinne zusammen. 

Das sind nur drei Vorschläge für reitfreie Tage. Mit ein bisschen Kreativität und dem Willen zur Veränderung lassen sich daraus unzählig viele Möglichkeiten für ein abwechslungsreiches Training finden. 

Mehr zum Thema Reitpausen und sinnvoller Trainingsgestaltung findet Ihr hier http://www.feinehilfen.com/viele-pferde-sind-uebertrainiert/

AK Baum, 12.02.2019


Hand ans Maul

Der Artikel von propferd.at und das dort verlinkte Video von Equitopia
geben einen schönen und verständlichen Überblick über die knöchernen und nervalen Strukturen des Pferdekopfs, welche mit Gebiss und Zaumzeug in Berührung kommen – und durch diese leider häufig beeinträchtigt werden. 
So drücken gut gemeinte dicke Genickpolster und der oft unter diesem verlaufende, dünnere Riemen des Reithalfters auf die Ohren und den Ansatz des Nackenbands. Zu tief verschnallte Nasenriemen bringen nicht nur Luftnot, sondern liegen auf den dünnen, fragilen Ausläufern des Nasenbeins; durch zu starken Druck können dort Haarrisse oder im schlimmsten Fall sogar Brüche entstehen. Ein unpassendes oder unpassend verschnalltes Gebiss verursacht Schmerzen auf der Zunge, der Lade oder den Zähnen des Pferdes. 
Es muss nicht gleich ein Micklem Bridle sein, ein gut passendes und korrekt verschnalltes Zaumzeug ohne Sperriemen und ein passendes Gebiss macht vielen Pferden das Leben auch schon leichter. Mindestens genauso wichtig ist das Beobachten des Pferdes! Schlägt es mit dem Kopf, sperrt das Maul auf, verkriecht sich hinter dem Zügel oder will sich nicht trensen lassen, dann macht es das nicht, um seinen Menschen zu ärgern oder weil ihm gerade fad ist – es zeigt damit bestenfalls Unbehagen, schlimmstenfalls Schmerzen. Als verantwortungsvoller Reiter lässt man sich dann auch nicht von Aussagen wie ‚Das macht der schon immer‘ oder ‚Sie ist halt eine empfindliche Zicke‘ von einer Ursachenforschung abbringen. 

Neben dem Anschauen des Videos empfehle ich Euch folgende praktische Erfahrung: Greift Eurem Pferd oder dem Pferd, das Ihr reitet, vorsichtig auf die Lade (Vorsicht mit Euren Fingern!) und fühlt wie zart die Struktur dort ist. Unter der Haut liegt dort direkt die Knochenhaut voller Nerven und Blutgefäße. Und darüber liegt das Gebiss. In der Hand eines ausbalancierten, feinen Reiters erlaubt dies fast unsichtbare Signale an das Pferdemaul. In der Hand des nicht ganz so gut ausbalancierten, nicht ganz so emphatisch unterrichteten Reiters kann das schnell richtig wehtun. Wer noch mehr praktische Erfahrung wünscht, kann sich ein Gebiss aufs nackte Schienbein legen und einmal eine Parade geben, ‚die auch wirklich durchkommt‘. 

Ich bin nicht gegen das Reiten mit Gebiss; für die meisten Pferd-Mensch-Teams ist es nach wie vor die praktikabelste Lösung, die selbstgestellten Ziele zu erreichen. Aber bitte seid Euch bewusst, was ihr da in Euren Händen haltet; was sich am anderen Ende des Zügels befindet: nicht nur die Lade, sondern der Kopf eines Tieres, das Euch vertraut.

AK Baum, 22.01.2019